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60. Jahrestag des Marshall Plans

US Botschafterin Susan McCaw

Hotel Marriott, Wien
5. Juni 2007




Präsident Meier, Minister Bartenstein, Dr. Helletzgruber, verehrte Gäste ...
 
Vor 60 Jahren stellte der amerikanische Außenminister George C. Marshall das wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm vor, das später seinen Namen tragen sollte. Obwohl die Rede, die er damals an der Harvard Universität gehalten hat, sicher nicht als die rhetorisch brillanteste gelten kann, so inspirierte doch die Idee dahinter Amerikaner ebenso wie Europäer.
 
Sein Plan gab den Wirtschaftssystemen eines vom Krieg zerrissenen Europa Aufwind und den kriegsmüden Europäern wieder Optimismus. Der Plan diente auch als Bindeglied zwischen Europa und Amerika.
 
Heute abend möchte ich kurz auf die Geschichte des Marshall Plans und seine Bedeutung für das heutige Österreich eingehen. Die Betonung liegt aber auch hier nicht auf der Vergangenheit, nicht einmal wirklich auf der Gegenwart, sondern auf der Zukunft - auf den Herausforderungen, die wir meistern müssen, wenn wir versuchen wollen, die Vitalität, den Optimismus und die Kooperationsbereitschaft, die das Markenzeichen des Marshall Plans sind, im 21. Jahrhundert zu erhalten.
 
Der Marshall Plan, der offiziell als Europäisches Wiederaufbauprogramm (European Recovery Program – ERP) bezeichnet wird, repräsentiert eine gewaltige Investition von 13 Milliarden – das wären heute 110 Milliarden – von Seiten der amerikanischen Regierung vor 60 Jahren. Diese Gelder wurden von Präsident Truman, Außenminister Marshall, und ihren Kollegen nicht als Almosen, sondern als ausgestreckte Hand betrachtet. Die Botschaft an Europa war folgende: Wenn Ihr Eure Differenzen beilegt, wenn Ihr zusammenarbeitet um Euch gegenseitig wieder auf die Beine zu helfen, wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten. Der Plan sah vor, daß Amerika die nötigen Gelder bereitstellt, es aber im wesentlichen den Europäern überlassen würde, diese Mittel nach bestem Wissen einzusetzen.
 
Österreich war von Anfang an einer der wichtigsten Partner in diesem Plan. Es erhielt nahezu eine Milliarde an Geldern aus dem Marshall Plan – heute wären das ungefähr 8 Milliarden Dollar. Mit diesem Geld wurde Österreichs „blühende Wirtschaft“ aufgebaut, die, wie Bundeskanzler Vranitzky 1987 meinte, „ein Klima voller Optimismus“ widerspiegelte, „mit dessen Hilfe die psychische Depression der 30er und 40er Jahre endgültig überwunden werden konnte.“ Der Marshall Plan war maßgeblich an der Etablierung der Prinzipien des Freihandels und der dezentralisierten Wirtschaft beteiligt. Mit seiner Hilfe wurden eine neue Währungspolitik und wirtschaftliche Reformen gestaltet. Er trug ebenfalls zur Expansion der Märkte und der Eliminierung der Quoten und Zölle bei. Mit Hilfe diese Geldes konnten auch neue, die Arbeit erleichternde Technologien und Unternehmensmodelle entwickelt werden, die zur Entwicklung der Geschäftstätigkeit und Unternehmenskultur beitrugen. Diese finanziellen Mittel halfen mit, Österreich zu einem der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt zu machen.
 
Das Wichtigste jedoch ist – und diesen Punkt möchte ich ausdrücklich hervorheben – daß der Marshall Plan nicht nur Wirtschaftshilfe war. Er war eine Investition in die zukünftige Sicherheit und Stabilität Europas, der Vereinigten Staaten und der Welt. Es war auch eine Investition, die für die Schaffung der politischen und sozialen Strukturen den Grundstein legte, die über Jahrzehnte hinweg ein friedliches, wohlhabendes und demokratisches Österreich getragen haben.
 
Er war eine Investition, die dazu beitrug, ein starkes und demokratisches Westeuropa zu schaffen, das uns während des Kalten Krieges zur Seite gestanden ist und immer noch zu unseren engsten Verbündeten gehört. Die amerikanische politische Führung und ihre europäischen Kollegen erkannten, daß anhaltende Sicherheit und Stabilität enge Zusammenarbeit und Koordinierung erforderten. Diese Zusammenarbeit und Koordination machen in meinen Augen den Geist des Marshall Plans aus. Dieser Geist lebt heute in Institutionen wie der OSZE und der Europäischen Union fort. Er ist die Basis für die starken und facettenreichen österreichisch-amerikanischen Beziehungen, ebenso wie für unsere Geschäftsbeziehungen, zu deren Aufbau und Entfaltung viele hier Anwesenden beigetragen haben.
 
Diese Geschäftsbeziehungen erstrecken sich auf die Bereiche Banken und Finanzleistungen, die Pharma- und Agrarindustrie, die Flugzeug- und Automobilindustrie, ebenso wie auf die Bereiche Spitzentechnologie und Telekommunikation. Sie brachten Österreich 6,5 Milliarden an direkten US Investitionen im Jahr 2004, und im Jahr 2006 4,4 Milliarden an amerikanischen Exporten nach Österreich und 7,7 Milliarden an österreichischen Exporten in die USA. Diese Geschäftsbeziehungen festigen unsere zukünftige Zusammenarbeit und tragen zu unser aller Wohl bei.
 
Das ist der Grund weshalb wir heute den Marshall Plan würdigen – für 60 Jahre, in denen er Österreich und den Vereinigten Staaten gute Dienste geleistet und zu unserer Zusammenarbeit beigetragen hat. Wir können dem Marshall Plan am besten Tribut zollen, indem wir seinen Geist lebendig halten und dafür sorgen, daß seine Zielsetzung weiterhin relevant bleibt.
 
Es ist der klugen Verwendung der ERP Gelder durch Österreich zu verdanken, daß wir heute in der Lage sind, einen Teil dieser Gelder abzuzweigen, um George C. Marshalls ursprünglicher Vision von einer engen Verflechtung unserer beiden Länder in besonderer Art und Weise zu gedenken.
 
Seit dem Augenblick als ich vor mehr als anderthalb Jahren in Österreich ankam, war es meine erste Priorität, den Austausch von Akademikern und Fachleuten zwischen unseren Ländern zu fördern. Es gibt keinen besseren Weg, das gegenseitige Verständnis zu stärken, als in einem fremden Land zu leben und zu studieren.
 
Daher freue ich mich besonders, daß Minister Bartenstein und ich heute ein beiderseitiges Abkommen zur Schaffung eines Marshall Plan Stipendienprogramms unterzeichnet haben. Mit voller Unterstützung der österreichischen Regierung wird die Marshall Plan Stiftung 1.000 Stipendien an österreichische und amerikanische Studenten vergeben, die dadurch die Möglichkeit erhalten, an akademischen Austauschprogrammen teilzunehmen. Über einen Zeitraum von 10 Jahren werden jährlich hundert solcher Stipendien vergeben. Wir hoffen, daß die 1.000 Studenten, die in den Genuß dieser neuen Marshall Plan Stipendien kommen, mit einem erweiterten Horizont, mehr Anerkennung für gemeinsame Werte und mit Respekt vor abweichenden Ansichten in ihre Heimatländer zurückkehren werden.
 
Diese Stipendien stellen für die Vereinigten Staaten und Österreich eine Investition in die Zukunft dar. Diese Studenten werden Teil der nächsten Generation von Führungspersönlichkeiten in Österreich, Amerika und weltweit sein. Sie werden die Basis für unsere künftigen Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene schaffen.
 
Studenten ins Ausland zu schicken ist sicher eine gute Sache, aber wir müssen noch andere Wege suchen, um den Geist des Marshall Plans lebendig zu halten. Ich bin schon oft gefragt worden, warum es keinen Marshall Plan für Afrika, den Nahen Osten, oder für den Balkan gibt. Diese Fragesteller haben sich sicher ihre Gedanken gemacht, übersehen aber die Tatsache, daß es sich bei dem Marshall Plan um ein wirtschaftliches Wiederaufbauprogramm handelte, wobei Wiederaufbau hier das entscheidende Wort ist.
 
Ziel des Marshall Plans war es, Europa zu helfen – wobei Europa ja schon eine starke demokratische Tradition hatte – seine wirtschaftliche Stärke wiederzuerlangen, seine wirtschaftliche Infrastruktur wieder aufzubauen, und sich wieder in eine stärker vernetzte Weltwirtschaft zu integrieren. Doch der größte Teil Afrikas, des Nahen Ostens, und der Balkanstaaten haben leider keine starken, lebendigen Wirtschaftssysteme, keine gefestigte, moderne Infrastruktur, und sind nie wirklich Teil der globalen Wirtschaft gewesen.
 
Diesen Nationen müssen wir unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement widmen. Sie brauchen einen Plan, der ihnen hilft, starke, stabile Wirtschaftssysteme aufzubauen und so ein optimistisches Klima für ihre Bevölkerung zu schaffen. Dieser Plan muß berücksichtigen, daß tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung nicht durch Hilfsgelder und Almosen erreicht werden kann – sondern durch Investitionen und Handel. Er muß auch berücksichtigen, daß wirtschaftliche Entwicklung und Stabilität nicht von den politischen Strukturen des jeweiligen Landes zu trennen sind – es ist eher so, daß sie die Basis für solide demokratische Werte und Traditionen darstellen.
 
Vor allem den heute abend hier Versammelten ist bewußt, daß Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit, Frieden und Wohlstand Hand in Hand gehen mit wirtschaftlicher und demokratischer Entwicklung.
 
Sie alle wissen, daß Afrika, der Nahe Osten, und die Balkanstaaten substantielle direkte Auslandsinvestitionen benötigen, wie zum Beispiel die Investitionen, die österreichische Finanzinstitutionen auf dem Balkan und in Mittel- und Osteuropa getätigt haben. Sie brauchen die nötige Infrastruktur, die ihre Eingliederung in die Weltwirtschaft möglich macht. Ein Beispiel dafür ist der Flugverkehr in den Irak, den Austrian Airlines kürzlich aufgenommen hat. Sie brauchen Fachwissen, wie es etwa im Rahmen des medizinischen Trainingsprogramms vermittelt wird, das die American-Austrian Foundation fördert . Und sie brauchen den akademischen Austausch, wie beispielsweise durch die Programme des Austrian World University Service, die dazu beitragen, die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten auf dem Balkan hervorzubringen – auf der geschäftlichen, technologischen und außenpolitischen Ebene.
 
Ich begrüße diese Bemühungen – sie sind relevant, sie bewirken etwas. Dennoch müssen wir alle noch mehr tun. Präsident Truman, Außenminister Marshall und ihre amerikanischen und europäischen Kollegen erkannten, daß wirtschaftliche Stabilität viel dazu beitragen kann, politische und konfessionelle Streitigkeiten zu mildern – das ist auch eine Erkenntnis, die die heute abend hier Anwesenden teilen. Wie Sie, haben auch diese Führungspersönlichkeiten erkannt, daß wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Investitionen nachhaltige politische, kulturelle und soziale Vorteile für alle Betroffenen mit sich bringen. Und wie Sie haben auch diese Politiker erkannt, daß wirtschaftliche Investitionen mehr erfordern als Firmen und Industriezweigen dabei zu helfen, ihre Finanzbestände zu stärken. Was notwendig ist sind langfristige Investitionen in unsere aufstrebenden Generationen und die Erkenntnis, daß gegenseitiges Verständnis von entscheidender Bedeutung für unsere Zukunft ist.
 
In einer Diskussion über die Rede von Außenminister Marshall an der Harvard Universität bemerkte ein zeitgenössischer europäischer Politiker daß, „Winston Churchills Worte den Krieg, Außenminister Marshalls Worte aber den Frieden gewonnen haben.“ Demzufolge möchte Sie ich heute Abend, an dem wir die Erfolge des Marshall Plans haben Revue passieren lassen, bitten, auch gemeinsam in die Zukunft zu schauen – um zu überlegen, wie wir die Worte von Außenminister Marshall – und seine Vision – am besten weiterentwickeln können. Wie wir, durch Koordination und Zusammenarbeit, durch verstärkten Handel und Investitionstätigkeit, dazu beitragen können, Wirtschaftssysteme zu beleben und den Menschen auf der ganzen Welt Hoffnung zu geben. Und wie wir am besten den Frieden sichern können, der General Marshalls größter Sieg war.
 
Vielen Dank.

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