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60. Jahrestag des Marshall Plans

Ambassador McCaw
Ambassador McCaw

US Botschafterin Susan McCaw

Schloss Belvedere
5. Juni 2007



Minister Bartenstein, Exzellencies, Staatssekretär Winkler, Staatssekretärin Marek, Botschafter Steiner, verehrte Gäste.

Wie wir all wissen, ist es heute genau 60 Jahre her, daß der amerikanische Außenminister George C. Marshall das wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm, das heute seinen Namen trägt, vorgestellt hat. Das Prinzip hinter dem Plan, das er an jenem Tag an der Harvard Universität erläuterte, war denkbar einfach: „Unterstützung bei der Rückkehr zu einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung, ohne die es keine politische Stabilität und keinen sicheren Frieden geben kann.“ Das Konzept war simpel, doch was dann geschah war in jeder Hinsicht revolutionär. Der Marshall Plan beschleunigte den wirtschaftlichen Aufbau in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg und legte darüber hinaus das Fundament für die starke wirtschaftliche Kooperation, die wir heute innerhalb Europas und auf transatlantischer Basis haben – eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, die allen Beteiligten wichtige politische, kulturelle und soziale Vorteile gebracht hat.

Von den vielen bemerkenswerten Aspekten von Außenminister Marshalls Rede möchte ich einen hervorheben, der mich besonders beeindruckt: Die Rede dauerte nur 12 Minuten – und das waren bereits zwei Minuten länger als Außenminister Marshall ursprünglich geplant hatte. Ich denke, eine 10- oder 12-minütige Rede ist ein nachahmenswertes Ziel ist, und deshalb werde ich mich bemühen, mich hier ebenfalls an dieses Zeitlimit zu halten. Ich werde über die Geschichte des Marshall Plans sprechen vor allem hinsichtlich seiner besonderen Bedeutung für Österreich. Ich werde auch darüber sprechen, welche Auswirkungen der Marshall Plan – der offiziell als Europäisches Wiederaufbauprogramm (European Recovery Program – ERP) bezeichnet wird – heute noch in Österreich hat.

Viele Menschen sind überrascht – ich eingeschlossen – zu erfahren, daß der ERP immer noch einen aktiven Beitrag zur österreichischen Wirtschaft leistet. Außerdem bin ich stolz darauf, eine spannende neue Initiative für den ERP in Österreich bekanntgeben zu können – eine, die die Ideale und Ziele des ursprünglichen Marshall Plans widerspiegelt.

Zunächst möchte ich mit Hilfe einiger Statistiken die Bedeutung des Marshall Plans für Österreich erläutern: Der Marshall Plan war vor 60 Jahren eine gewaltige Investition der amerikanischen Regierung in Höhe von 13 Milliarden Dollar, was heute in etwa 110 Milliarden Dollar entspricht. Das waren beinahe zehn Prozent des gesamten Staatshaushalts der USA und entsprach in etwa einem Beitrag von 80 Dollar pro Amerikaner – zu jener Zeit für einen Facharbeiter fast der Lohn von zwei Wochen.

Diese Geld, das Präsident Truman, Außenminister Marshall und ihre Kollegen dem vom Krieg zerstörten Europa zur Verfügung stellten, war als Unterstützung für den Wiederaufbau gedacht, nicht als Krücke. Sie betrachteten diese Gelder nicht als Almosen, in ihren Augen waren sie als ausgestreckte helfende Hand gedacht. Die an Europa gerichtete Botschaft war: Wenn Ihr eure Differenzen beilegt und zu Eurem eigenen Wohl zusammenarbeitet, wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.

Von allem Anfang an war Österreich einer der wichtigsten Partner in der Verwirklichung dieses Plans. Österreich erhielt damals fast 1 Milliarde an Geldern aus dem Marshall Plan, also etwa 133 Dollar für jeden österreichischen Staatsbürger. Damit profitierte Österreich pro Einwohner stärker vom Marshall Plan als die meisten anderen Länder. Auch darf man nicht vergessen, daß hier der Dollar der späten 40er und frühen 50er Jahre gemeint ist. Die Milliarde Dollar, die Österreich im Jahr 1949 erhielt, wäre nach heutiger Berechnung somit mehr als 8 Milliarden Dollar wert.

Und noch etwas sollte man nicht vergessen: Die Gelder aus dem ERP gingen nicht nur in die amerikanischen Zone oder die Zonen der anderen westlichen Alliierten – die Österreicher, die in der sowjetischen Zone lebten, profitierten ebenfalls. Das war ganz im Sinne des Marshall Plans.

Die Amerikaner hatten auch nach der Sowjetunion ihre helfende Hand ausgestreckt – waren allerdings von dieser und -- auf Stalins Drängen -- auch von den anderen Ostblockstaaten zurückgewiesen worden. Der Marshall Plan war ein geniales Konzept, und nach den Worten Winston Churchills „die am wenigsten schmutzige Tat in der Geschichte.“

Die europäische Wirtschaft bekam eine dringend benötigte Kapitalspritze in einer Zeit in der sie diese am meisten brauchte. Zusammen mit diesem Beitrag half Amerika auch mit, ein starkes und demokratisches Westeuropa zu schaffen – eines, das uns während des Kalten Krieges zur Seite gestanden ist und bis heute zu unseren engsten Verbündeten zählt.

Im Jahr 1958 bezeichnete Bundeskanzler Raab den Marshall Plan als Ereignis von „globaler Bedeutung“, eine „ideale Form der Hilfe,“ weil es den Empfängern derselben ermöglichte, „wieder auf eigenen Füßen zu stehen.“ Der Marshall Plan half mit, Österreichs „blühende Wirtschaft“ zu schaffen, die Bundeskanzler Vranitzky im Jahr 1987 als „Klima voller Optimismus“ beschrieb, „welches geholfen hat, endlich und dauerhaft, die psychische Depression der 1930er und 1940er Jahre zu überwinden.“

Wir erkennen jedoch selbstverständlich auch an, daß die gewaltigen und beispiellosen Ressourcen, die von den USA bereitgestellt wurden, nur einen Teil der Geschichte erzählen. Ebenso wichtig war Amerikas Vertrauen in seine europäischen Partner, selbst am besten zu wissen, wie sie die finanzielle Unterstützung investieren sollten. Außenminister Marshall hat es so ausgedrückt: „Die Initiative muß von Europa ausgehen“. Das ist die andere Seite der Erfolgsgeschichte des ERP: Die kluge Art und Weise, wie die Österreicher diese Gelder eingesetzt haben.

Anfänglich verwendete Österreichs politische Führung das Geld, um grundsätzliche menschliche Bedürfnisse abzudecken – Lebensmittel für die Arbeiter, Kohle zum Heizen. Diese Ausgaben waren kurzfristig sehr wichtig; sie halfen Österreich, die schwierige Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit zu bewältigen. Später allerdings, als das Land immer unabhängiger wurde, verwendeten die österreichischen Politiker immer mehr Geld für langfristige Projekte: den Wiederaufbau grundlegender Infrastruktur und Industriezweige, wie beispielsweise den Energiesektor, die Eisen- und Stahlindustrie, sowie die Zellstoff- und Papierindustrie.

Heute legen das Wasserkraftwerk in Kaprun und die Voest Stahlwerke immer noch Zeugnis von der unglaublichen Wirkung ab, die die Gelder aus dem Marshall Plan auf Österreich hatten. Als diese Hauptindustriezweige immer lebensfähiger wurden, wandten die Verwalter der österreichischen ERP Gelder ihre Aufmerksamkeit zunehmend der Produktion und dem Export fertiger Güter zu. Sie konzentrierten sich aber auch darauf, die österreichische Tourismusindustrie zu entwickeln. Tatsächlich hat fast jeder Skilift und jeder Skiort von den ERP Geldern profitiert.

Wir sehen also den enormen Wert und die Wirkung, die der ERP diesem Land gebracht hat. Hätte Österreich sich auch ohne den Marshall Plan vom Zweiten Weltkrieg erholt? Sicherlich. Allerdings hat der ERP dazu beigetragen, den österreichischen Wiederaufbau zu beschleunigen und dem Land sein Selbstbewußtsein wiederzugeben. Schließlich trugen die Gelder dazu bei, daß Österreich von äußerer Hilfe unabhängig wurde und sich die österreichische Wirtschaft in nur drei Generationen zu einer der robustesten der Welt entwickelte.

Am bedeutsamsten erscheint mir jedoch die Tatsache, daß der Marshall Plan mehr war als nur Wirtschaftshilfe – und deshalb erwähne ich sie hier besonders. Der Marshall Plan war eine Investition – eine Investition in die zukünftige Sicherheit und Stabilität Europas, der Vereinigten Staaten und der Welt. Darüber hinaus war er eine Investition, die das politische und soziale Fundament schuf, auf dem seit Jahrzehnten ein friedliches, wohlhabendes und demokratisches Österreich existiert.

Die amerikanische Führung und ihre europäischen Kollegen verstanden, daß dauerhafte Sicherheit und Stabilität enge Zusammenarbeit und Abstimmung erfordern. In dieser Zusammenarbeit und Abstimmung liegt für mich der wahre Geist des Marshall Plans. Dieser Geist lebt heute noch in Institutionen wie der OSZE und der Europäischen Union fort. Er ist auch eine Grundlage unserer starken transatlantischen Beziehungen, und insbesondere der österreichisch-amerikanischen Beziehungen, die bis heute stark und lebendig sind.

Das ist der Grund weshalb wir heute den Marshall Plan würdigen – für 60 Jahre, in denen er Österreich und den Vereinigten Staaten gute Dienste geleistet hat. Ebenso wollen wir unsere Achtung vor der klugen Art und Weise zum Ausdruck bringen, wie Österreich diese Gelder verwendet hat. Es ist daher an der Zeit, diese Erfolge zu honorieren.

Der ERP ist jedoch immer noch ein lebendiger, essentieller Faktor in der österreichischen Wirtschaft. Selbstverständlich ändern sich die Zeiten – und dafür sollten wir dankbar sein. Die Bedürfnisse von 2007 sind nicht mehr die von 1947. Wir können dem Marshall Plan am besten Tribut zollen, indem wir seinen Geist lebendig halten und dafür sorgen, daß seine Zielsetzung weiterhin relevant bleibt.

Es ist der klugen Verwendung der ERP Gelder durch Österreich zu verdanken, daß wir heute in der Lage sind, einen Teil dieser Gelder abzuzweigen, um der ursprünglichen Vision George C. Marshalls, dauerhafte transatlantische Beziehungen aufzubauen, in besonderer Art und Weise zu gedenken.

Seit dem Augenblick als ich vor mehr als anderthalb Jahren in Österreich ankam, war meine erste Priorität, den Austausch von Akademikern und Fachleuten zwischen unseren Ländern zu fördern. Ich war damals überzeugt, und das bin ich auch heute noch, daß es keinen besseren Weg gibt, das gegenseitige Verständnis zu stärken, als in einem fremden Land zu leben und zu studieren.

Das war jedenfalls in meinem Fall so. Im Rahmen meines Studiums an der Stanford Universität verbrachte ich auch einige Zeit als Studentin in Italien. Wenn ich heute auf diese Zeit in meinem Leben und in meiner Ausbildung zurückblicke, wird mir klar, daß mein Studium im Ausland dazu beigetragen hat, aus mir die Person zu machen, die ich heute bin.

Auch weiß ich, daß Minister Bartenstein seine Erfahrungen, die er in den USA an einer High School und einer Universität gemacht hat, in bleibender Erinnerung behalten hat. Ich weiß, daß wir beide diese Erfahrungen schätzen und davon profitiert haben. Ebenso sind wir überzeugt, daß andere Österreicher und Amerikaner auch Chance erhalten sollten, im Ausland zu studieren.

Daher freue ich mich besonders, ankündigen zu dürfen, daß Minister Bartenstein und ich in ein paar Minuten ein beiderseitiges Abkommen zur Schaffung eines Marshall Plan Stipendienprogramms unterzeichnen werden. Mit voller Unterstützung der österreichischen Regierung wird die Marshall Plan Stiftung 1.000 österreichischen und amerikanischen Studenten die Möglichkeit geben, an akademischen Austauschprogrammen teilzunehmen.

Während der nächsten zehn Jahre werden jährlich hundert solcher Marshall Plan Stipendien vergeben. Ich möchte noch hinzufügen, daß dieses neue akademische Austauschprogramm mit Hilfe der Fulbright Kommission und des Österreichischen Akademischen Austauschdienstes durchgeführt wird. Dieses Programm wird zusätzlich zu den etwa ein Dutzend Austauschplätzen angeboten werden, die die Marshall Plan Stiftung derzeit bereits an österreichische Lehrer oder Studenten vergibt.

Diese neuen Stipendien auf universitärer Ebene werden ebenfalls das High School Programm des AFS ergänzen – ein Programm, das schon sehr viel zur Förderung der gegenseitigen Verständigung zwischen unseren beiden Ländern beigetragen hat. Wir hoffen, daß die 1.000 Studenten, die in den Genuß dieser neuen Marshall Plan Stipendien kommen werden, mit einem erweiterten Horizont, größerer Wahrnehmung von gemeinsamen Werten und mit Respekt vor abweichenden Ansichten in ihre Heimatländer zurückkehren werden.

Und selbst wenn sie mit der Politik ihres Gastlandes nicht einverstanden sind, hoffen wir doch, daß sie die intellektuelle Basis verstehen werden, die die jeweilige Politik hervorgebracht hat, und die aus den politischen, sozialen, kulturellen, und historischen Traditionen diese Landes hervorgegangen ist.

Minister Bartenstein – so wie Ihre Vorgänger den Geist und das Potential des Plans von Außenminister Marshall erkannt haben, investieren Sie in zukünftige Generationen. Mit diesen Stipendien stellen Sie die Weichen für unsere zukünftige Zusammenarbeit, und helfen mit, die Ideale des Marshall Plans im 21. Jahrhundert zu erhalten.

Wie bereits angekündigt, möchte ich die 12 Minuten von Außenminister Marshalls Rede in Harvard am 5. Juni 1947 nicht überschreiten. Deshalb lassen Sie mich General Marshall Tribut zollen, indem ich eine sehr treffende Bemerkung wiederhole, die Präsident Bush kürzlich gemacht hat: „George Marshall wird für den Krieg, in dem er gekämpft hat, bewundert, doch am besten ist er uns durch den Frieden, den er geschaffen hat, in Erinnerung geblieben.“
Vielen Dank.

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